Frischer Glanz und alte Klänge

Eingetragen von Uwe Mindrup am Di., 05.11.2013 - 07:49
Stadtkirche mit Festkonzert wiedereröffnet - Dekan Winfried Speck: „Die Schöpfung ist auch nicht an einem Tag geschehen”

(im Original nachzulesen in der Ludwigsburger Zeitung vom 5.11.2013)

Von Astrid Killinger

In frischem Glanz präsentiert sich die Stadtkirche nach der Renovierungspause. „Vollendet ist das große Werk”, sagte Dekan Winfried Speck zur Begrüßung am Sonntagabend glücklich. Damit zitierte er aus einem anderen großen Werk, mit dem die Wiedereröffnung gefeiert wurde: „Die Schöpfung” von Joseph Haydn.

Nicht nur die Decken und Wände sind wieder heller. Eine neue Beleuchtung sorgt zudem für passendes, variables, gutes Licht. In diesem konnten sich nun die 56 Sängerinnen und Sänger aus dem Chor der Stadtkirche und dem Motettenchor präsentieren.

Haydn setzte mit seinem Werk einst neue Maßstäbe - mit der vollständigen Renovierung soll die Stadtkirche Ähnliches schaffen

Nachdem Bläser vom „Ensemble harmonique” den ersten Ton spielen und herrlich lange halten, nachdem zuerst leise und langsam, dann in urkräftigen Schüben die Streicher dazu kommen, erhebt sich die Kulisse der Sänger. Allein diese stumme synchrone Bewegung so Vieler sorgt für ehrfurchtsvollen Schauer. Dass sie nicht gleich singen, sondern noch eine Weile nur da stehen, den ganzen großen Bogen des Altarraums ausfüllend, steigert die Spannung während der fessselnden Einleitung.

Unter der Gesamtleitung von Bezirkskantor Martin Kaleschke und mittels historischer Instrumente kreieren die formidablen Musiker eine bunte, brodelnde Mischung aus Tönen und Klangfarben, die so recht das Werden der Erde aus dem Chaos heraus vor Augen führt. Tenor Johannes Kaleschke alias Erzengel Raphael beginnt mit der biblischen Rahmenerzählung “Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde”. Dann erst und endlich darf der Chor seine ganze herrliche Sangeskunst herausbrechen lassen.

In lebendiger, fast fröhlicher Vielstimmigkeit setzt er die Geschichte fort. Dem Bass von Thomas Scharr sind der göttliche Donner und Blitz, der Regen und der Schnee anvertraut. Beinahe jede der blumigen Textzeilen dieser Schöpfungsetappe wird eigens von den Instrumenten kommentiert. „Das Lob des zweites Tages” erklingen lässt schließlich die brilliante Sopranistin Angelika Lenter, der Chor fällt jubilierend mit ein. Beschwingt klingt er nach der Erschaffung der Pflanzen, Wälder und Sterne, heftig und laut wird er, als am Schluss des ersten Teils auch die Sonne steht.

Die drei Solisten jubeln gemeinsam in wunderbar feinem Terzett. Lenter, Kaleschke und Scharr begeistern auch in den eingestreuten Duetten Sopran-Tenor und Sopran-Bass. Letzeres dominiert auf musikalisch schöne, textlich ambivalente Weise den dritten und letzten Teil.

Einerseits zeigt der Dialog zwischen Adam und Eva, dass Haydns 215 Jahre altes Werk längst nicht so frisch ist wie die erneuerte Stadtkirche und vom Feminismus ungestreift blieb. Andererseits überrrascht das „hohe Lied” auf die irdische Liebe und das „glücklich Paar” im Oratorium.

Tatsächlich hat Haydn damit einst Grenzen verschoben und neue Maßstäbe gesetzt. Das soll ein bisschen auch jener Teil der Renovierung bewirken, der am Sonntag noch nicht zu sehen war: die völlig neu gestalteten Prinzipalien, also Altar, Ambo, Osterleuchter und Taufbecken. Auch dafür hatte Dekan Speck dann das passende Zitat: „Die Schöpfung ist auch nicht an einem Tag geschehen.” Die Einweihung der Prinzipalien findet am ersten Advent statt. Die in Reparatur befindliche Orgel wird im nächsten Sommer wieder zu hören sein.

(aus: Ludwigsburger Kreiszeitung vom 5.11.2013)

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