Leuchtstrahlen in der Finsternis

Eingetragen von Uwe Mindrup am Di., 17.12.2013 - 08:13
Stephan Leuthold leitet die Aufführung der Kantaten vier bis sechs des Weihnachtsoratoriums – Damit verabschiedet er sich

aus: Ludwigsburger Kreiszeitung vom 17.12.2013

Von Dietholf Zerweck

Mit einer Aufführung der letzten drei Kantaten aus dem „Weihnachtsoratorium" von Johann Sebastian Bach hat Stephan Leuthold am Sonntag sein Abschiedskonzert in der Stadtkirche gegeben. Seit April 2007 war Leuthold Bezirkskantor der evangelischen Kirche in Ludwigsburg, nun wird er bald sein neues Amt als Domorganist in Bremen antreten. Stadtdekan Winfried Speck erinnerte in einer kleinen Dankesrede an das vielfältige musikalische Engagement, mit dem Stephan Leuthold als Organist und Dirigent des Chores der Stadtkirche und des Ludwigsburger Motettenchors in der Stadtkirchengemeinde und darüber hinaus gewirkt hat.

In der Gestaltung der Kantaten- und Gospelgottesdienste hat er ebenso eigene Akzente gesetzt wie bei den Orgelzyklen zugunsten des Orgelneubaus, in den Stunden der Kirchenmusik und bei der samstäglichen Orgelmusik zum Wochenmarkt.

Gegenüber den ersten drei Kantaten des Weihnachtsoratoriums, deren Eingangschor  „Jauchzet, frohlocket” fast jeder kennt, bieten die Teile vier bis sechs manch reizvolle Überraschung. Schon bei der Kantate zum Neujahrstag treiben Bach und sein Textdichter Picander in der Sopranarie ein reizvolles Wort- und Echospiel mit „Nein” und „Ja”.

Stimmen des Kinderchors

Angelika Lenter, die in ihren Solopartien sängerisch und gestalterisch zum Zentrum der Aufführung wurde, ließ dieses Kleinod zusammen mit der konzertierenden Oboe und Caroline Oestreich als Echo-Sopran fröhlich leuchten, das Ensemble historique begleitete delikat. Umrahmt wird diese Arie mit zwei Bassrezitativen, in die Johann Sebastian Bach eine Choralmelodie einkomponiert hat. Es war eine schöne Idee, diese Sopranstimme vom Kinderchor der Stadtkirche singen zu lassen. Sein „Jesu, meine Freud und Wonne” strahlte innig über den kernigen Kantilenen des Baritons Jens Paulus.

Eine weitere Kostbarkeit der Neujahrskantate ist die Tenorarie „Ich will nur dir zu Ehren leben”, deren temporeiche Koloraturen vn zwei hintereinanderhereilenden Violine umspielt werden. HIer konnte Joachim Streckfuß, der seine Evangelistenpartie mit natürlicher Erzählhaltung erfüllte, auch virtuos überzeugen.

Spannend gestaltet war dann das Terzett der Kantate zum 1. Sonntag nach Neujahr:  „Ach, wenn wird die Zeit erscheinen? Ach, wenn kömmt der Trost der Seinen?” fragten Sopranistin und Tenor im erregten, anscheinend nicht aufhören wollenden Duett, bis die Altistin Margret Hauser beruhigend dazwischen fuhr: „Schweigt, er ist schon wirklich hier!”

Im bildhaften Choral am Ende dieser Kantate leuchtet dann in die „finstre Grube” des menschlichen Herzens der „Gnadenstrahl” des neu geborenen Christus – eine Lichtmetapher, wie zuvor im Choral „Dein Glanz all Finsternis verzehrt”: Stephan Leuthold formte diese Choräle mit dem Stadtkirchenchor als schlichten, klangvollen Gemeindegesang ohne eigene textliche Akzente, ließ dagegen die Eingangschöre der Kantaten kontrastreich artikulieren.

Auch in der Kantate zum Erscheinungsfest waren das Rezitativ und die Arie des Sopran ein Höhepunkt an textdeutender Gestaltung und gesanglicher Intensität: wie Angelika Lenter hier zunächst die „falsche List” und das „falsche Herz” von Herodes musikalisch charakterisierte und dann mit triumphierender vokaler Geste ihre Arie

„Nur ein Wink von seinen Händen /
Stürzt ohnmächtger Menschen Macht"

anstimmte, hinterließ einen nachhaltigen Eindruck.

Schön, das beim Choral „Ich steh an deiner Krippen hier” auch die Stimmen des Kinderchors innig mitstrahlten und dem Schlußss der Dreikönigs-Kantate mit seiner zukunftsträchtigen Botschaft helle Lichter aufsetzten:

„Tod, Teufel, Sünd und Hölle /
Sind ganz und gar geschwächt; /
Bei Gott hat seine Stelle /
Das menschliche Geschlecht.”