Ein Abschiedskonzert als prachtvoller Neujahrsgruß

Eingetragen von Uwe Mindrup am Di, 24.01.2017 - 08:06

Von Harry Schmidt, Ludwigsburger Kreiszeitung, 24.01.2017

Ludwigsburg. Kaum ein Platz blieb in der spätgotischen Eglosheimer Katharinenkirche frei, als Gerhard Hess am späten Sonntag nachmittag für das erste seiner beiden Abschiedskonzerte zum Podium schritt. Drei Dekaden lang hat der Kirchenmusikdirektor als Bezirkskantor an der Ludwigsburger Stadtkirche das musikalische Leben der Barockstadt mitgeprägt. Mit dem Ruhestand 2002 wurde Hess als nebenamtlicher Organist in der Eglosheimer Katharinenkirche nicht nur regelmäßig sonntäglich musikalische Stütze der Gottesdienste, sondern wirkte mit rund 50 von ihm veranstalteten Kirchenkonzerten weit über die Gemeindegrenzen hinaus.

Die Musik von J. S. Bach stand für Hess in all den Jahren stets im Mittelpunkt und bildete auch den zentralen Anker für das als „festlich besetztes Neujahrskonzert” angekündigte Ereignis. Die Ankündigung war nicht übertrieben: Mit den Neujahrskantaten „Jesu, nun sei gepreiset” (BWV 41) und „Singet dem Herrn ein neues Lied” (BWV 190) standen zwei der glanzvollsten geistlichen Werke Bachs auf dem Programm, was sich bereits in der Besetzung mit Chor, vier Solisten, drei Trompeten und Pauken, komplette Holzbläserbesetzung, Streicher und Orgel ausdrückt: Mehr geht nicht – Bach aus allen Rohren, sozusagen. Gleich zu Beginn konnte man beobachten, über welche Macht, ja Wunderkraft die Musik verfügt: Kam Hess vom Alter gebeugt gemächlichen Schrittes nach vorn, richten ihn die ersten Takte gleichsam auf, lassen ihn sofort größer erscheinen, ja wachsen. Und mehr als das: Sofort übersetzt sich die Klarheit seiner akkuraten Schlagfiguren in Musik, überträgt sich seine Präzision direkt auf die Musiker. Formidabel realisierte das Stuttgarter Trompetenensemble von Christian Nägele das synkopische Fanfaren-Motiv des prachtvollen Auftakts, in dem das neue Jahr wortwörtlich mit Pauken und Trompeten begrüßt wird. Ungeheuer präsent in strahlendem Blending der hervorragend einstudierte, sechzehnköpfige Projektchor, jede Stimmgruppe von einem der Solisten angeführt.

Angelika Lenter begeisterte in der Sopran-Arie „Laß uns, o höchster Gott” mit sauberer Intonation und schlanken, transparenten Höhen. Der gestochen scharf gebündelte Ensembleklang des Chors sorgte auch in der zweiten Bachkantate für volle Prachtentfaltung ganz im Sinne des Thomaskantors. Grandios die zarten Kontraste von Blockflöte (Susanne Godel) und Querflöte (Ulrich Stahlknecht) in den vier Sätzen des dazwischen platzierten Konzerts in e-Moll: Spontan großer Beifall auch für diesen – man muss es so geradeheraus sagen – einfach tollen Telemann! Eine vorzügliche, rundum gelungene, überbordend volle Sternstunde der Kirchenmusik.