Nahezu Londoner Verhältnisse

Eingetragen von Uwe Mindrup am Do, 05.04.2018 - 23:07

Von Harry Schmidt

Ludwigsburg. Das mittelalterliche Versgedicht “Stabat mater” hat, beginnend mit Deprez und Palestrina in der Renaissance über Scarlatti, Haydn, Rossine, Liszt und Verdi bis hin zu zeitgenössischen Komponisten wie Arvo Pärt oder Wolfgang Rihm, viele Tonsetzer zu Werken angeregt. Für Antonín Dvořák wurde das “Stabat mater”, das er unter dem Eindruck des Verlustes seiner drei Kinder zwischen 1876 und 1877 geschrieben hat, auch zu einer persönlichen Schlüsselstelle im Lebenslauf. Als das monumentale Chorwerk 1884, vier Jahre nach der Uraufführung in Prag, schließlich in der Londoner Royal Albert Hall vor mehr als 8000 Zuhörern aufgeführt wurde, markierte das Großereignis auch Dvořáks Durchbruch als fürderhin international bekannter, anerkannter und gefragter Komponist.

Verglichen mit der seinerzeit 800-köpfigen Sängerschar mag sich die Besetzung des um den Ludwigsburger Motettenchor verstärkten Chors der Stadtkirche mit rund 70 Sängerinnen und Sängern zwar bescheiden ausnehmen. Setzt man dies jedoch ins Verhältnis zum Publikumszuspruch, ergibt auch die Aufführung des “Stabat mater” (op. 58) am Karfreitag in der Ludwigsburger Stadtkirche ein durchaus ähnliches Bild: Fast zehnmal größer als der Chor die Anzahl der Besucher: Über 550 Menschen aller Altersgruppen, auch viele Familien, füllen die Reihen – nahezu Londoner Verhältnisse also. Inhaltlich reflektieren die zehn Strophen des “Stabat mater“, jede aus zwei Dreizeilern bestehend, die Figur der Maria, die als Mutter mit ansehen muss, wie ihr Sohn am Kreuz stirbt. Ungekürzt übernimmt Antonín Dvořák den mittelalterlichen Wortlaut, dessen Autorschaft nicht gesichert überliefert ist.

Mit zehn Kantatensätzen folgt er zwar der äußeren Form des Gedichts, beleuchtet in den in Länge und Besetzung unterschiedlich gestalteten Teilen jedoch auch ganz verschiedene emotionale Gehalte: „Stabat mater dolorosa” – „Es stand die Mutter schmerzerfüllt” beginnen die Männerstimmen im Piano, noch ganz zögerlich zunächst ob der erschütternden Ereignisse.

Fast explosiv dann der folgende Ausbruch im Unisono – ein kollektiver Aufschrei, kollossal eindrücklich realisiert durch den von Fabian Wöhrle ausgezeichnet einstudierten und von den 40 Musikern des Orchesters der Stadtkirche unterstützten Chor. Bereits in der ausgedehnten Orchestereinleitung organisiert Wöhrle die romantischen Klangmassen mit feinem Gespür für die heikle Balance zwischen Transparenz und symphonischer Verdichtung, die Dvořáks geistliches Werk, das über weite Strecken einer Art Passionsmeditation gleicht, auszeichnet wie einfordert. Kein Zweifel, dass sich seine zugewandte, überzeugende Körpersprache auf die Musiker überträgt: Mal streichelt er den böhmischen Schmelz mit dem Taktstock aus dem Streicherapparat, mal fordert er nachdrücklich mit der Linken Vibrato, bevor er sich bei den Kulminationspunkten energisch aufrichtet und auf die Zehenspitzen steigt.

Wie in Passionen und Orationen von Händel oder Bach ergänzt auch bei Dvořák ein Solistenquartett die Chor- und Orchsterdarbietungen, das in verschiedenen Konstellationen – vom Solo über Duette bis hin zum Quartett, im Wechsel oer gemeinsam mit dem Chor – dem (hier lateinischen) Text lebendige Gestalt verleiht. Ohne größere erkennbare Anstrengung bewältigen Diana Schnürpel (Sopran), Martina Langenbucher (Alt), Timo Schabel (Tenor) und Philipp Meierhöfer (Bass) ihre Partien. Insbesondere die sängerischen Leistungen beider Damen beeindrucken, waren doch sowohl Schnürpel als auch Langenbucher, die eher über einen Mezzosopran als eine Altstimme verfügt, kurzfristig eingesprungen.

Aber auch Meierhöfers profunder, sonorer Bass verdient Respekt, während Schabels Timbre anfangs noch etwas eng geführt ist. Ein geistliches Werk persönlicher Trauerarbeit erfordert andere Register als das Heldenfach einer Wagner-Oper. Im Verlauf der Aufführung findet er aber immer besser in die Partie hinein.

Auch und gerade, dass keiner der Solisten allzu großen Glanz verbreitet, wirkt stiimmig: Wichtiger als herausragende Spitzenkoloraturen sind hier eine gewisse Geschlossenheit und Harmonie des Solistenensemble, bei dem weder nach oben noch nach unten einzelne Stimmen allzu sehr herausstechen.

Tröstung und Zuversicht, hervorgegangen aus Leid und Schmerz der Gottesmutter, stehen am Ende des eineinhalbstündigen Werks, das am Karfreitag mit dem Läuten der Glocken in andächtiger Stille ausklingt, bevor Wöhrle und seine Musikerschar den wohlverdienten Beifall des Publikum entgegennehmen.